Ein Berg in der Schachtel


Isidora Krstić

Die Malerei wird heute wieder verstärkt wahrgenommen und in einem neuen Licht gesehen. Die Errungenschaften der Malerei in der Moderne der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts, zu welcher die Arbeit des österreichischen Künstlers Richard Hirschbäck gehört, entwickelte sich parallel mit der Evolution von neuen Medien. Während sich der künstlerische Diskurs vermehrt von der Malerei zu diesen neuen Medien hin verlagerte, stellen die Errungenschaften der Malerei in den Jahren zwischen 1945 und den 90er Jahren einen besonders interessanten Zeitraum in der Kunstgeschichte dar. Statt sich den neuen technologischen Entwicklungen und Möglichkeiten zuzuwenden, war Richard Hirschbäck weitaus besorgter über die Veränderungen der natürlichen Umgebung der ‚Verformung‘ der Natur und den Verlust von Diversität innerhalb dieser.

Die schöpferische Arbeit von Richard Hirschbäck zeigt eine diskursive Auseinandersetzung mit den Problemen von Raum und Räumlichkeit. Besonders in den späteren Jahren widmet er sich einer Art von Flächendeckung, welche als flächige Ebenen oder Felder erscheinen; gefolgt von methodischen Farbexperimenten, die auf räumliche Ebenen verweisen; ähnlich surrealistischer Landschaften und sehr oft im kunstvoll ausgearbeiteten Spiel mit figurativen, abstrakten Dichotomien. Sprache und Text spielen eine wesentliche Rolle ebenso wie wiederkehrende Elemente: große Glasscherben, der menschliche Kopf, spezielle Pflanzenformen, ein Stuhl.

Einen persönliche Zugang zur Arbeit von Richard Hirschbäck lässt sich über Reproduktionen in Form digitaler Bilder nur sehr mangelhaft herstellen. Seine Malerei kann nicht strikt als “gemalte Oberflächen” gesehen werden, weshalb ein physisches Erleben der Bilder durch den Betrachter ausschlaggebend ist. Fast spielen die Bilder mit unserem Drängen, sie mit der Hand berühren zu wollen (als ob das Berühren sie realer oder "wahrer" machen würde). In ihrer Körperlichkeit werden sie Teil dieser Welt. ).

Richard Hirschbäck`s Karriere spannt sich über mehr als fünf Dekaden. Seine Arbeit ist mannigfaltig und wandlungsfähig, zum Teil extrem kontrastreich und doch durch vertraute Elemente in einem großen Bogen miteinander verbunden, so als ob alle Teile einem elaborierten Ganzen angehörten. Bei genauer Betrachtung kann jede Schaffensphase zuerst als ein lernbegieriges Recherchieren und Forschen (1), gefolgt von einer Phase der Stabilisierung (2) und endend mit einer Art der Auflösung und einem Bruch (3) gesehen werden, aus welchem für die folgenden Erkundung Raum geschaffen wird.

Natürlich repräsentiert diese strukturierende Methode und der folgende Zusammenbruch vor dem Hintergrund des jahrzehntelangen Schaffens lediglich ein loses Bezugssystem, mehr eine Art Orientierungshilfe, die ein besseres Abbild des gesamten Oeuvres ergeben soll und die erlaubt, die Arbeit entlang ihrer zeitlichen Entwicklung zu verfolgen.

1960er

Diese Dekade kann einerseits als eine Periode der figurativen, tiefgreifender Studien von Form, Licht und Farbe bezeichnet werden und als eine Phase des intensiven und regelmäßigen Experimentierens. Die Malereien bewegen sich aus einer pointilistischen Analyse der Form und Farbe zur geometrischen und figurativen Abstraktion hin. Eine bewegte Zeit auch in privater Hinsicht. Denn zwischen 1962 und 1973 wurden sechs seiner Kinder geboren.

1970er

Die Siebziger Jahre repräsentieren eine Periode in welcher die malerische Ausgestaltung sich abstrahiert, die Form allerdings erhalten bleibt. Jede Form wird möglich. In dieser Phase entstehen auch einige herausragende Arbeiten mit traumgleichen surrealistischen Landschaften. Thematisch kann hier das Spiel mit archetypischen Formen entdeckt werden und die Herausforderung an den Betrachter, sich in ihr oder sein Unbewusstes zu begeben und sich selbst zu erproben. Mitte der 70er bis Mitte der 80er hat sich der Künstler auch verschiedenen künstlerischen Gruppierungen angeschlossen wie entzogen.

1980er

Das Ende der Siebziger wird durch einen Moment bezeichnet, in welchem alles, was in der vorhergehenden Periode gebaut, erhalten und stabilisiert wurde, langsam einer Zersetzung preisgegeben und nicht länger als wahr erkannt wurde. 1989 starb sein Sohn David: ein traumatischer Schicksalsschlag, der sich in den abstrakten-expressionistischen Malereien mit fast fühlbarer Wucht der Beunruhigung und des Zögerns äußerte; so als ob alles, was aufgebaut wurde, sich nicht mehr trägt. Die Formen beginnen von fremden Elementen und Gesten unterwandert zu werden. Wände, welche langsam aufgezogen wurden, beginnen zu zerbröseln und ein neuer Unterbau muss gefunden und konstruiert werden.

1990er

Wenn die 1980er im Nachhinein als eine extrem aufgeladene Periode erfahren werden, so sind die 1990er von Glanzmomenten und Zusammenführungen geprägt. Die “Verstörung” hat sich neu definiert und alle exzessiven Elemente haben sich entfernt. Der Gestus an sich beherrscht die meisten der Bilder. Dieser Gestus taucht so auf, als ob an ihm gefeilt wurde und er über die Dekaden verfeinert wurde, um endlich an diesem Punkt anzugelangen. Natürlich ist es nicht immer angebracht, den Künstler als einen “den Hügel Erklimmenden” und einen “Höhepunkt Erreichenden” zu beschreiben. Dieser Standpunkt kann sehr schnell die vorangegangenen Perioden unterwandern und sie als Übergange bezeichnen. Die Wichtigkeit, das gesamte Werk als eine Aneinanderreihung von signifikanten Begebenheiten zu betrachten, welche sich einerseits zu einem Bogen oder zu einer Art von Kurve verbinden ist genauso spannend wie jede Begebenheit als “im offenen Feld passierend” anzusehen; als Erscheinung welche für sich alleine steht.

Das passiert genau in dem Augenblick, in welchem die Leinwand nicht mehr lediglich eine Oberfläche darstellt, eine “Trägerin” für das Narrativ. Die Bedeutung der Malerei als ein Ganzes verschiebt sich und die Materialität des hölzernen Rahmens, die Textur der Leinwand und ihre Platzierung im Raum drängen nach vorne. Die lose am Rahmen montierte Leinwand, manchmal nur durch Stecknadeln befestigt, suggestieren beides, einen Dringlichkeit im Transportieren der Botschaft wie auch das Hervorheben der Tatsache, dass die Leinwand, genauso wie die Farbe, als Material und formales Element mitwirkt. Die Farbe und die Leinwand treten zusammen als ein Objekt auf, ein durchaus konzeptioneller Ansatz. In einem Bild verstärkt der Künstler diesen Aspekt noch mehr, indem er einen trockenen Pinsel verwendet und die grobkörnigen Frakturen der Leinwand an die Oberfläche treten lässt und ihr eine gleichwertige Rolle in der Materialität der Arbeit zugesteht.

2000er

Die erste Hälfte der 2000er wird durch eine weiterführende Repräsentation der vorangegangenen Entdeckungen geprägt. Eine Perfektion in der Ausführung spielt hier keine Rolle und die Malerei reduziert sich auf den puren Gestus hin. Großformatige Malereien welche in Höhe und Breite die durchschnittliche Größe eines Menschen oft überschreiten, fordern und verführen den Betrachter in die Kontemplation. Die Dominanz der Leinwandgröße ist offensichtlich. Den Künstler scheint es zu drängen, diese Oberfläche zu kontrollieren und die Herausforderungen, welche mit dieser großen Fläche auftauchen zu meistern. Die physische Präsenz des Betrachters in Beziehung zu diesen Arbeiten scheint von höchster Wichtigkeit zu sein. Das Verständnis und die vollständige Erfahrung, ein Versuch durch das eigene körperliche und physische Bezugnehmen “in Beziehung zu treten”, kann nur durch ein gänzliches Eintauchen in das Bild und seine Präsenz passieren.

“Ein Berg in der Schachtel”, der Titel dieses Essays, wurde einer Zeichnung von Richard Hirschbäck entlehnt. Er mag enthüllen, dass Richard Hirschbäck weder ein Freilichtmaler ist, noch dass er die Schönheiten seines Umfelds auf die Leinwand überträgt. Seine Arbeit bearbeitet die zutiefst menschliche Natur, wo auch immer dieser Mensch stehen mag, sobald er aus seiner inneren Welt und seiner Umgebung heraus Sinn schaffen möchte. Diese zwei Ansätze scheinen manchmal harmonisch nebeneinander, manchmal stehen sie in Dissonanz zueinander. Speziell diese rastlosen und vergänglichen Momente werden angstfrei erforscht und ertastet; und erlauben das Eintauchen in archetypische Weltempfindungen.

Anstatt einer definitiven Konklusion strebt dieser Überblick danach, die Arbeit von Richard Hirschbäck zu beleuchten und ihren Beitrag zur Geschichte der österreichischen Kunst aufzuzeigen. Dieser Essay soll sicherstellen, dass sie in ihrer Zeitlosigkeit Einzug in den zeitgenössischen und historischen Diskurs hält und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.